Erektionsstörungen: Was dahinterstecken kann und was wirklich hilft

Erektionsstörungen betreffen nach einer Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Urologie von 2013 rund fünf Millionen Männer in Deutschland, und trotzdem spricht kaum jemand darüber. Dabei sind sie häufig, in den meisten Fällen erklärbar und oft gut zu beeinflussen. Der Beitrag erklärt, was medizinisch als erektile Dysfunktion gilt, welche körperlichen und seelischen Ursachen es gibt, warum der Gang in die Praxis auch dem Herzen nützt, was Sie selbst tun können und wo Nahrungsergänzungsmittel in dieses Bild passen.
Das Wichtigste vorab
- Von einer erektilen Dysfunktion sprechen Fachleute, wenn über mindestens ein halbes Jahr in etwa zwei von drei Versuchen keine ausreichende Erektion zustande kommt; einzelne Ausfälle zählen nicht.
- In der Kölner Männerstudie hatten 19,2 Prozent der Männer zwischen 30 und 80 Erektionsprobleme, bei den 70- bis 80-Jährigen mehr als die Hälfte.
- Häufigste Ursache ist eine gestörte Durchblutung. Die Beschwerden können ein früher Hinweis auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes sein und gehören deshalb ärztlich abgeklärt.
- Gewichtsabnahme, Bewegung, Rauchverzicht und Beckenbodentraining verbesserten die Erektionsfähigkeit in Studien messbar; PDE-5-Hemmer gibt es in Deutschland nur auf Rezept.
- Für L-Arginin, Maca, Ginseng und Tribulus ist in der EU keine Angabe zur Erektion zugelassen; Kapseln ersetzen weder Diagnose noch Behandlung.
Was als Erektionsstörung gilt und wie häufig sie ist
Nicht jede Enttäuschung im Bett ist eine Erkrankung. Medizinisch spricht man von einer erektilen Dysfunktion erst, wenn die Schwierigkeiten ein halbes Jahr oder länger bestehen und in etwa zwei Dritteln der Versuche eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion ausbleibt. Müdigkeit, Alkohol oder ein anstrengender Tag erklären einzelne Ausfälle und zählen nicht dazu. Zur Einordnung nutzen Urologinnen und Urologen den Fragebogen IIEF-5 mit fünf Fragen: 22 bis 25 Punkte gelten als unauffällig, weniger als 8 als schwere Störung.
Wie verbreitet das Problem ist, zeigt die Kölner Männerstudie. Ein Fragebogen ging an 8.000 Männer zwischen 30 und 80 Jahren, 4.489 Antworten waren auswertbar. Insgesamt gaben 19,2 Prozent Erektionsprobleme an, bei den 30- bis 39-Jährigen waren es 2,3 Prozent, bei den 70- bis 80-Jährigen 53,4 Prozent (Braun et al., 2000). Zugleich blieb Sexualität im Alter normal: Von den Ältesten waren noch 71,3 Prozent regelmäßig aktiv. Behandlungsbedarf bestand bei 6,9 Prozent der Männer, nämlich dort, wo Erektionsprobleme und Unzufriedenheit mit dem Sexualleben zusammentrafen. Wer vor allem wenig Lust verspürt, hat ein verwandtes, aber anderes Thema, das der Beitrag zur Libido beim Mann behandelt.
Körperliche Ursachen: Gefäße, Nerven, Hormone und Medikamente
Eine Erektion ist ein Gefäßvorgang, den Nerven und Hormone steuern. Bei Erregung weiten sich die Arterien in den Schwellkörpern, Blut strömt ein, und die abführenden Venen werden zusammengedrückt. Fällt ein Glied dieser Kette aus, leidet das Ergebnis.
Am häufigsten ist die Durchblutung gestört, meist durch Arteriosklerose. Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes und Übergewicht fördern die Ablagerungen; in der Kölner Studie traten Erektionsprobleme auffällig oft zusammen mit Bluthochdruck, Diabetes, Beckenoperationen und Beschwerden beim Wasserlassen auf. Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt zudem Nerven und Gefäße, und Männer mit Diabetes sind nach Angaben der Apotheken Umschau etwa dreieinhalbmal so häufig betroffen wie Gleichaltrige ohne. Nerven können auch durch Multiple Sklerose oder Operationen im Becken geschädigt sein, etwa nach einer Prostataentfernung. Ein Mangel an Testosteron dämpft vor allem die Lust, kann aber auch die Erektion schwächen; wie sich ein Mangel erkennen lässt und was auf die Hormone wirkt, beschreibt der Beitrag Testosteron natürlich steigern.
Dazu kommen Medikamente: Bestimmte Blutdruckmittel, manche Antidepressiva und Antiandrogene bei Prostatakrebs können die Erektion beeinträchtigen. Setzen Sie solche Mittel nie eigenmächtig ab, sondern sprechen Sie das Problem in der Praxis an. Auch Schlafapnoe und dauerhaft hoher Alkoholkonsum gehören auf die Liste. Nach Angaben der DGU haben 70 Prozent der Erektionsstörungen eine organische Ursache.
Psyche und Partnerschaft: Wenn der Kopf mitspielt
Bei jüngeren Männern spielt die Psyche eine große Rolle, bei älteren kommt sie häufig zusätzlich ins Spiel. Stress im Beruf, Geldsorgen, Depressionen, Ängste und unausgesprochene Konflikte in der Beziehung dämpfen die Erregung. Hat es einmal nicht geklappt, entsteht leicht Versagensangst: Der Mann beobachtet sich beim nächsten Mal, Anspannung verdrängt die Erregung, und die Sorge bestätigt sich. Dieser Kreislauf kann auch bei körperlichen Ursachen entstehen, sobald die Erektion einmal nachgelassen hat. Dann sind beide Seiten im Spiel, und es hilft wenig, nur die eine zu behandeln.
Auf einen seelischen Anteil deuten ein plötzlicher Beginn, Erektionen im Schlaf und am Morgen, die erhalten bleiben, und Schwierigkeiten vor allem in bestimmten Situationen. Sicher beweisen sie nichts. Hilfreich sind das Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner, Entspannung, Sexualberatung oder Psychotherapie; Beratungsstellen wie pro familia bieten Sexualberatung an. Für Partnerinnen und Partner gilt: Ausbleibende Erektionen sagen nichts über Zuneigung aus, und Schweigen verstärkt das Problem eher, als es zu lösen.
Warnzeichen für Herz und Gefäße: Warum der Arztbesuch zählt
Weil die Gefäße im Penis sehr klein sind, bemerken Betroffene Ablagerungen hier besonders früh. Deshalb kann eine Erektionsstörung der erste Hinweis auf eine Gefäßerkrankung sein, nach Angaben der DGU ein Vorbote von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Eine Auswertung von Kohortenstudien stützt das Bild: Männer mit Erektionsstörungen hatten ein um etwa 44 Prozent höheres relatives Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse, beim Herzinfarkt lag der Wert bei 1,62, bei Schlaganfall und anderen Ereignissen an Hirngefäßen bei 1,39 (Vlachopoulos et al., 2013).
Ein relatives Risiko heißt nicht, dass die meisten Betroffenen einen Infarkt bekommen, und die Zahlen zeigen einen Zusammenhang, keine Ursache: Beide Erkrankungen teilen Risikofaktoren. Der Nutzen liegt im Hinsehen. Wer mit Erektionsproblemen in die Praxis kommt, bekommt Blutdruck, Blutzucker und Blutfette gemessen, und ein erhöhter Wert lässt sich behandeln, bevor das Herz Beschwerden macht. Das ist eine Gelegenheit, keine Drohung. In der Urologie gehören zur Basisdiagnostik außerdem Blutbild, Nieren- und Leberwerte, das Testosteron und das Schilddrüsenhormon TSH, bei Bedarf eine Ultraschalluntersuchung der Penisgefäße. Wer schon Herzprobleme hat, braucht das Gespräch erst recht. Die Belastung beim Sex gilt nach der Herzstiftung als sehr moderat, etwa wie langsames Treppensteigen über zwei Etagen; bei Enge in der Brust oder Luftnot schon bei geringer Anstrengung gehört die Kardiologie sofort dazu.
Was Sie selbst tun können: Gewicht, Bewegung, Beckenboden
Die Maßnahmen klingen unspektakulär, sind aber die am besten belegten. In einer Studie aus Italien erhielten 55 übergewichtige Männer mit Erektionsstörungen zwei Jahre lang eine Anleitung zum Abnehmen und zu mehr Bewegung, mit dem Ziel, mindestens ein Zehntel des Körpergewichts zu verlieren. Eine Vergleichsgruppe von ebenfalls 55 Männern bekam nur allgemeine Hinweise. Am Ende erreichten 17 Männer der ersten Gruppe im Fragebogen wieder normale Erektionswerte, in der zweiten drei (Esposito et al., 2004). Knapp ein Drittel profitierte also deutlich.
Auch gezieltes Training hilft. In einer kleinen britischen Studie mit 55 Männern, deren Erektionsstörung mindestens ein halbes Jahr bestand, übten die Teilnehmer unter physiotherapeutischer Anleitung den Beckenboden, mit Biofeedback und Lebensstilberatung. Nach sechs Monaten hatten 40 Prozent wieder eine normale Erektion, bei 35,5 Prozent hatte sie sich gebessert, bei 24,5 Prozent nicht (Dorey et al., 2005). Die DGU rät außerdem zu Rauchverzicht, wenig Alkohol, Ausdauersport, gut eingestelltem Blutdruck und Blutzucker und zur Behandlung einer Schlafapnoe. Als Maßstab für Bewegung nennt die Weltgesundheitsorganisation mindestens 150 Minuten mäßig intensive Aktivität pro Woche, also zum Beispiel flottes Gehen oder Radfahren.
Rezeptpflichtige Medikamente: nur nach ärztlicher Abklärung
Reichen Lebensstil und Gespräch nicht aus, kommen in erster Linie Tabletten aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer infrage, etwa Sildenafil und Tadalafil. In Deutschland sind sie verschreibungspflichtig, und das hat Gründe. Sie weiten Gefäße und können den Blutdruck senken; bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist eine Absprache nötig, und mit Nitraten wie Nitrospray oder ISDN ist die Kombination tabu, weil der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen kann, wie die Deutsche Herzstiftung betont. Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Gesichtsröte, Schwindel und eine verstopfte Nase; selten treten Sehstörungen oder Hörverlust auf, was sofort ärztlich abgeklärt werden muss. Die Tabletten wirken nur bei sexueller Erregung; Lust und Nähe ersetzen sie nicht.
Nach der Darstellung der DGU stehen außerdem Wirkstoffe zur Verfügung, die sich der Mann direkt in den Penis verabreicht, mechanische Hilfen wie die Vakuumpumpe, psychologische Behandlung und Schwellkörperimplantate. Medikamente ohne Rezept aus dem Internet sind keine Abkürzung: Die Verbraucherzentrale warnt vor gefälschter Ware und vor angeblich natürlichen Mitteln mit verstecktem Sildenafil oder Tadalafil.
Nahrungsergänzungsmittel im Check: Was Kapseln leisten können
Auch für Kapseln gilt: Sie können Beschwerden nicht diagnostizieren und keine Gefäßerkrankung beheben. Am weitesten untersucht ist L-Arginin. Die Auswertung von zehn kleinen Studien sieht bei leichten bis mittleren Erektionsstörungen eine Besserung unter 1,5 bis 5 g am Tag, mit Einschränkungen, die der Beitrag zu L-Arginin genauer beschreibt. Für Maca und roten Ginseng gibt es kleine Studien mit begrenzter Aussagekraft. Für Tribulus fand eine Übersichtsarbeit von 2025 zehn Studien mit 483 Männern: In drei von fünf Studien, die Erektionswerte maßen, besserten sich diese; die Qualität war oft gering, und das Testosteron änderte sich in acht von zehn Studien nicht nennenswert. Für keinen dieser Stoffe ist in der EU eine Angabe zu Erektion oder Lust zugelassen, und als Lebensmittel ersetzen die Kapseln weder eine ausgewogene Ernährung noch eine ärztliche Behandlung. Die Stiftung Warentest fand 2023 bei 17 Nahrungsergänzungsmitteln für Männer keinen belegten Nutzen, dafür bei 16 Risiken wie Überdosierungen oder fehlende Warnhinweise.
Zwei konkrete Kapselpräparate stellen die Berichte zu Alpha Beast und Prostalis vor, mit Zutaten, Einnahme und Bezugsweg; eine Erektion versprechen wir mit keinem. Einen Überblick über die Stoffe und die Rechtslage bietet der Ratgeber zu natürlichen Potenzmitteln.
Wann zum Arzt?
Lassen Sie Erektionsprobleme abklären, wenn sie länger als einige Wochen bestehen, plötzlich neu auftreten oder Sie Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen oder Übergewicht haben. Rufen Sie sofort den Notruf 112, wenn Brustschmerz, Atemnot oder Schwindel hinzukommen. Eine Erektion, die länger als vier Stunden anhält oder schmerzt, ist ein Notfall. Wer Nitrate nimmt, verwendet keine Potenzmittel ohne ärztliche Rücksprache.
Fragen aus der Praxis
Sind Erektionsprobleme im Alter normal?
Häufiger werden sie, unvermeidlich sind sie nicht. In der Kölner Studie hatten 53,4 Prozent der 70- bis 80-Jährigen Probleme, aber eben nicht alle, und 71,3 Prozent dieser Altersgruppe waren regelmäßig sexuell aktiv. Mit den Jahren nehmen Gefäßerkrankungen, Diabetes und Dauermedikation zu, und sie sind der eigentliche Grund. Eine Abklärung lohnt sich deshalb in jedem Alter, auch weil sie auf ein Herzleiden hinweisen kann.
Kann Stress allein Erektionsstörungen auslösen?
Ja, besonders bei jüngeren Männern. Anhaltender Druck, Sorgen und Versagensangst lassen die Erregung ausbleiben. Dennoch sind Untersuchung und Gespräch sinnvoll, denn Stress deckt manchmal eine körperliche Ursache auf, die ohnehin bestand. Bessern sich Erektionen im Urlaub oder in entspannten Situationen spürbar, spricht das eher für eine seelische Komponente, als Beweis gilt es nicht.
Welche Ärztin oder welcher Arzt ist zuständig?
Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, die Blutdruck, Blutzucker und Blutfette prüft und überweisen kann. Spezialisiert sind Urologie und Andrologie, bei seelischen Ursachen Psychotherapie und Sexualtherapie. Die Untersuchung zahlt die gesetzliche Krankenkasse, rezeptpflichtige Potenzmittel in der Regel nicht. Ein offenes Wort gleich zu Beginn spart Zeit, denn Praxen kennen das Thema aus dem Alltag.
Wie schnell hilft Beckenbodentraining?
In der britischen Studie war die Erektionsfähigkeit schon nach drei Monaten bei den Männern mit Training deutlich besser als bei denen, die nur Lebensstilhinweise bekommen hatten. Nach sechs Monaten zeigte sich bei 75,5 Prozent eine normale oder gebesserte Erektion. Üben sollten Sie unter Anleitung, etwa in einer physiotherapeutischen Praxis mit Beckenbodenschwerpunkt, und regelmäßig; die Teilnehmer trainierten über Monate.
Helfen Hausmittel bei Erektionsstörungen?
Gesicherte Hausmittel gibt es nicht. Wirksam sind eher Dinge, die den Gefäßen guttun: Bewegung, Gewichtsabnahme, Rauchverzicht, wenig Alkohol und genug Schlaf. Austern, Ingwer oder Spargel haben nach der Stiftung Warentest keinen belegten Effekt auf die Erektion, ebenso wenig Zimt. Vor Mitteln wie der Spanischen Fliege warnt sie ausdrücklich, weil sie gefährlich sein kann.